Mercedes in der Krise: Umsatzrückgang und Proteste vor den Werken in Untertürkheim
Die Luft in Untertürkheim ist momentan alles andere als entspannt. Vor den Toren der Mercedes-Werke, wo einst der Stolz der Automobilindustrie in Deutschland gefertigt wurde, brodelt es. Die Zahlen, die auf dem Tisch liegen, lesen sich wie das Drehbuch einer Tragödie: Die Profitabilität und der Absatz sind im Keller. Im ersten Halbjahr wurde eine unbereinigte Umsatzrendite von gerade einmal 1,9 % erzielt und im zweiten Quartal sogar nur 0,2 %. Sommersprossen auf einer Leiche, könnte man sagen. Der EBIT-Gewinn von 2025 beläuft sich auf 5,8 Milliarden Euro – das sind rund 72 % weniger als 2022. Das ist schon ein heftiger Rückgang, wenn man bedenkt, dass in den ersten neun Monaten nur 1,24 Millionen Pkw verkauft wurden, was einen Rückgang von 7 % im Vergleich zum Vorjahr und sogar 20 % weniger als in 2023 bedeutet.
Die Belegschaft ist nervös. Der Betriebsratschef Michael Häberle hat beim Protesttag der IG Metall im September nicht umsonst die Marschrichtung des Unternehmens in Frage gestellt. „Ola raus!“, riefen die Beschäftigten, während sie Plakate gegen Vorstandschef Ola Källenius hochhielten. Die Stimmung ist angespannt. Die Gründe für diese Misere sind vielfältig: Einbrüche im Chinageschäft, US-Zölle und die Folgen des Irankriegs belasten den Konzern zusätzlich. Diese Krise zählt für viele als die schwerste in der Geschichte von Mercedes.
Der Krisenplan von Källenius
Ola Källenius hat einen dreiteiligen Krisenplan geschnürt. Kurzfristig soll Kosten gesenkt werden, mittelfristig will man den Absatz durch neue und überarbeitete Modelle steigern und langfristig steht die Effizienz von Produktion und Fahrzeugentwicklung auf dem Plan. Der Sparplan „Next Level Performance“, der 2025 ins Leben gerufen wurde, hat bereits Material-, Produktions- und Fixkosten um fast 3,6 Milliarden Euro gesenkt. Ein weiterer Stolperstein: Der Vorstand fordert von den Beschäftigten mehr Arbeitszeit für dasselbe Entgelt. Die 35-Stunden-Woche könnte auf 38 oder 40 Stunden angehoben werden, was nicht gerade auf Begeisterung stößt.
Und es gibt noch mehr: Die geplante Sonderzahlung von 18,4 % eines Monatsgehalts, die für Juli vorgesehen war, wurde kurzerhand gestrichen. Das Ziel hinter diesen Maßnahmen? Jährliche Einsparungen von 800 Millionen Euro und eine Erhöhung der Marge um knapp einen Prozentpunkt. Ungefähr zwei Drittel der Mitarbeiter arbeiten in Deutschland, hier wird der größte Effekt bei den Personalkosten erwartet. Dennoch gibt es Bedenken, dass unbezahlte Mehrarbeit eine indirekte Maßnahme zum Personalabbau ist. Immerhin sind bereits einige Tausend Zeitarbeiter in Sindelfingen, Bremen und Rastatt beschäftigt.
Die Herausforderungen der Branche
Die Herausforderungen, vor denen Mercedes steht, sind nicht nur hausgemacht. Die gesamte deutsche Autoindustrie sieht sich einem Druck ausgesetzt, der an die Finanzkrise 2009 erinnert. Der operative Gewinn der großen deutschen Autobauer – Volkswagen, BMW und Mercedes – ist im dritten Quartal um fast 76 % gesunken und hat den niedrigsten Stand seit 2009 erreicht. Und während die Hersteller in China zunehmend Marktanteile gewinnen, sehen sich die Deutschen dort mit einem Rückgang ihres Absatzes konfrontiert.
Laut einer Analyse von EY war der Rückgang des Gewinns für deutsche Hersteller besonders stark. Die schwache Nachfrage nach teuren Premiumfahrzeugen und die hohen Kosten für den Umbau der Konzerne sind nur einige der Probleme, mit denen sie sich herumschlagen müssen. Die Elektroautos, die als das große Zukunftsversprechen galten, bringen nicht die erhofften Umsätze. Die Käufer entscheiden sich weiterhin überwiegend für Verbrenner oder Hybridmodelle.
Mercedes kämpft nicht nur in Deutschland, sondern auch im internationalen Wettbewerb. Die Abschottung in den USA, die schwächelnde Nachfrage in China und die hohen Produktionskosten drücken auf die Margen. Die Verlagerung von Produktionen nach Osteuropa ist ein weiterer Schritt, um die Kosten zu senken und wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch hier gibt es auch kritische Stimmen: Steigende Löhne in den neuen Produktionsländern könnten den Kostenvorteil schnell wieder zunichte machen.
Ein Blick in die Zukunft
Die langfristige Strategie von Mercedes setzt auf eine modulare Fahrzeugarchitektur, die in den 2030er-Jahren zum Einsatz kommen soll. Das Ziel: weniger Plattformen, höhere Effizienz und schnellere Produktion. Aber auch die Digitalisierung in der Produktentwicklung nimmt Fahrt auf. Ein KI-gestütztes System namens „PLM.AI“ soll den gesamten Entwicklungsprozess optimieren. Und das alles, während man gleichzeitig an autonomen Fahrtechnologien arbeitet.
In Deutschland soll bis 2027 ein Stadtassistent zugelassen werden, der unter anderem Hindernissen ausweicht. Auch ein Autobahnassistent wird bald erwartet. Dabei bleibt Mercedes jedoch vorsichtig und setzt nicht auf Rabatte, um die Marke nicht zu schädigen. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass die deutschen Automobilhersteller sich in einer kritischen Phase befinden. Der Markt wandelt sich rasant, und ob die Anpassungen der Strategie ausreichen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, bleibt abzuwarten. Das Ringen um die eigene Zukunft ist in vollem Gange.
