Solidarische Landwirtschaft am Reyherhof: Herausforderungen und Chancen im Angesicht des Klimawandels
Im Herzen von Stuttgart-Möhringen, wo die Felder unter der Sonnenhitze ächzen, bewirtschaften Anna Laura Hübner und Lukas Dreyer den Reyherhof nach den strengen Vorgaben des Demeter-Biosiegels. Hier wird nicht nur Landwirtschaft betrieben, sondern auch eine lebendige Gemeinschaft geformt. Über 1.500 Menschen profitieren von der Solidarischen Landwirtschaft, die weit mehr ist als nur ein Markt für frisches Gemüse. Es ist eine Vision von Nachhaltigkeit und Verbundenheit, die in der heutigen Zeit so wichtig ist.
Doch die Herausforderungen sind gewaltig. Der Sommer 2026 war extrem heiß und trocken, was auch die Ernte auf dem Reyherhof stark beeinträchtigte. Besonders die Zuckerhut-Ernte, ein typischer Wintersalat, fiel aufgrund eines Pilzbefalls schlechter aus. Ein Schicksal, das viele Landwirte in der Region trifft. Auch die tiefen Bodenschichten sind trotz mancher feuchter Oberflächen stark ausgetrocknet. Ein Teufelskreis, der nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Menschen betrifft, die auf ihre Ernte angewiesen sind.
Solidarität in der Landwirtschaft
In der solidarischen Landwirtschaft wird der Preis für Lebensmittel nicht festgelegt. Stattdessen zahlen die Mitglieder einen Gesamtbeitrag, der die variierenden Kosten ausgleicht. Das heißt: Wenn die Ernten üppig sind, bekommen die Mitglieder mehr; wenn die Ernte mager ausfällt, gibt es weniger. Und ja, der Hof hat bisher nie einen vollständigen Ernteausfall erlebt. Doch die Unsicherheiten steigen. Laut Hübner war es bisher nie nötig, mehr als drei Beitragsrunden zur Finanzierung des Folgejahres zu durchlaufen. Ob das in Zukunft so bleibt, ist fraglich.
Die Situation wird noch komplizierter durch die allgemeinen Probleme in der Landwirtschaft. Der Landesbauernverband erwartet für das aktuelle Erntejahr in Baden-Württemberg einen Rückgang bei den Erträgen. Winterweizen und Kartoffeln haben unter den extremen Wetterbedingungen gelitten, was zu vielen kleinen Knollen führte, die kaum Abnehmer finden. Der Druck auf die Betriebe wächst, und die landwirtschaftlichen Verbände fordern mehr Unterstützung von der Politik.
Klimawandel als ständiger Begleiter
Der Klimawandel ist keine Zukunftsprognose mehr, sondern bereits Realität. Extreme Wetterlagen – Hitze, Dürre, aber auch Starkregen – treten immer häufiger auf. Diese Veränderungen haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Pflanzenwelt. Der Vegetationsbeginn hat sich verfrüht, und neue Arten finden ihren Weg auf die Felder. Aber die Gefahren sind ebenso real, wie die Chancen. Spätfröste können durch frühere Blütezeiten Schaden anrichten, und die Hitze macht den Pflanzen zu schaffen. Das betrifft nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Tierhaltung. Kühe, die einen gemäßigten Temperaturbereich benötigen, leiden unter der Hitze.
Die EU hat bereits reagiert und fordert mehr Investitionen in die Wasserspeicherung und eine präzisere Bewässerung. Der Aufruf zur Versicherungspflicht für landwirtschaftliche Betriebe ist ein weiterer wichtiger Schritt, um den Landwirten eine gewisse Sicherheit zu bieten. Doch noch immer sind nur etwa 12 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion in der EU gegen Schäden versichert. Es ist ein unhaltbarer Zustand, gerade für kleine und mittlere Betriebe, die oft am stärksten von den klimatischen Extremereignissen betroffen sind.
Es bleibt spannend, wie sich die kommenden Monate entwickeln werden. Werden staatliche Unterstützungen und alternative Absatzwege die finanziellen Engpässe der betroffenen Betriebe überbrücken können? Die Antwort darauf ist noch ungewiss, doch eines ist sicher: Die Solidarität unter den Mitgliedern des Reyherhofs wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen, um die Herausforderungen der Zukunft gemeinsam zu meistern. Der Hof, die Natur und die Gemeinschaft – sie sind miteinander verwoben, und nur gemeinsam können sie die Stürme der Zeit überstehen.
