Es gibt Geschichten, die uns mehr über den Menschen erzählen als über das, was er tut. Martin Wiedemann, ein 85-jähriger Schlossermeister aus Rainau-Schwabsberg, ist so eine Geschichte. Bei der Altmeisterfeier in der Sängerhalle Wasseralfingen wurde er kürzlich mit dem Diamantenen Meisterbrief ausgezeichnet – eine Ehrung, die nicht nur seinen langen Berufsweg würdigt, sondern auch die unzähligen Herausforderungen, die er gemeistert hat.

Vor 60 Jahren legte er seine Meisterprüfung ab, doch seine Reise begann viel früher. Mit 13½ Jahren brachte ihn sein Vater zu seinem Lehrmeister nach Westhausen. „Grausam“ nennt Wiedemann diesen Mann – eine Beschreibung, die er nicht ohne Grund wählt. Die Ausbildung war hart und schweißtreibend. Tagsüber schuften, nachts lernen bis um drei Uhr – eine Routine, die für viele unvorstellbar wäre, aber für ihn war es der Preis, den er zahlen musste, um im Handwerk Fuß zu fassen. 1966, nur wenige Monate nach Bestehen seiner Meisterprüfung, gründete er die Firma Metallbau Wiedemann.

Ein Leben für das Handwerk

Sein Unternehmen, das heute in zweiter Generation von seiner Tochter Andrea geleitet wird, ist bekannt für die Fertigung von Türen, Fenstern und Sonderkonstruktionen. Die bescheidene Anfänge in einer Garage, wo er mit einer selbstgebauten Säge und einem gebrauchten Schweißautomaten arbeitete, sind beeindruckend. Modernste Maschinen waren damals unerschwinglich, und so entwickelte Wiedemann eigene Lösungen. Viele seiner Kunden wurden im Laufe der Jahre zu Freunden – eine Verbindung, die bei der Betriebsübergabe eine bemerkenswerte 80 Prozent Freundschaftsrate aufwies.

Wiedemanns handwerkliche Fähigkeiten und sein Tüftlergeist blieben nicht unbemerkt. In den 1970er-Jahren erhielt er Aufträge aus Bonn, die ihn bis in die höchsten politischen Kreise führten. 1972 baute er Fenster im Büro des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt ein, und auch sein Nachfolger Helmut Schmidt war ein Kunde. 1973 erhielt er den Auftrag, im Oberlandesgericht Stuttgart Fenster mit Panzerglas und schusssicheren Scheiben einzubauen – ein Auftrag, der im Zusammenhang mit dem damaligen Stammheim-Prozess stand.

Der Stammheim-Prozess

Der Stammheim-Prozess, der von Mai 1975 bis April 1977 stattfand, war ein bedeutendes Ereignis in der deutschen Rechtsgeschichte. Angeklagt waren prominente Mitglieder der ersten Generation der RAF, darunter Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Ihnen wurden unter anderem vier Morde und 54 Mordversuche vorgeworfen. Die Verhandlungen waren von heftigen Wortgefechten geprägt und erforderten sogar spezielle Änderungen der Strafprozessordnung, um den besonderen Umständen gerecht zu werden. In dieser Zeit wurden Tausende von Beweismitteln gesammelt, und die Prozessakten umfassten etwa 50.000 Seiten.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Das Oberlandesgericht Stuttgart errichtete für die Verhandlungen ein fensterloses Mehrzweckgebäude auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stuttgart – ein imposantes Bauwerk, das mit Kosten von zwölf Millionen DM zu Buche schlug. Während des Verfahrens kam es zu mehreren Hungerstreiks der Angeklagten, um auf ihre Haftbedingungen aufmerksam zu machen. Die gesellschaftliche und politische Brisanz des Verfahrens war enorm, und der Prozess selbst blieb nicht ohne Kontroversen. Am 28. April 1977 erging das Urteil: Die Angeklagten wurden wegen gemeinschaftlicher Begehung mehrerer schwerer Straftaten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Ein Blick in die Zukunft

Wiedemann, der viele Jahre ehrenamtlich tätig war, hat sich als Obermeister der Metallinnung Aalen und in der Tarifkommission des Landesinnungsverbands Stuttgart einen Namen gemacht. Doch der Rückgang des Nachwuchses im Handwerk bereitet ihm Sorgen. Früher nahmen bis zu 120 Prüflinge an den Gesellenprüfungen teil – heute sind es nur noch drei oder vier. Seine Leidenschaft für das Handwerk und sein unermüdliches Engagement für Lohngerechtigkeit sind Beispiele für eine Generation, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Zukunft des Handwerks kämpft. Es ist eine Erinnerung daran, dass jede Schraube, jedes Fenster und jede Tür nicht nur Produkte sind, sondern Geschichten erzählen – Geschichten von Menschen wie Martin Wiedemann.