70 Jahre Gemeindemosterei Beuren: Ein Rückblick auf Tradition und Wandel in der Streuobstlandschaft
In Beuren am Ried wurde kürzlich ein ganz besonderes Jubiläum gefeiert: Die Gemeindemosterei blickt auf stolze 70 Jahre zurück. Bei diesem Fest waren zwei bedeutende Persönlichkeiten anwesend, die die Anfänge der Mosterei 1956 hautnah miterlebt haben: Werner Muscheler und Helmut Schuhwerk. Beiden ist anzumerken, wie sehr sie sich freuen, dass die Tradition des Mostens weiterhin gepflegt wird. Muscheler, mittlerweile 86 Jahre alt, erinnert sich gut an die Zeit, als er sich um eine der Stellen in der Mosterei bewarb. Nach dem Einbau der Mosterei im Dreschschuppen war er einer von drei Bewerbern für zwei Arbeitsplätze.
Bürgermeister Ludwig Schneider und der Gemeinderat hatten anfangs Josef Maier und Werner Hengstler den Vorzug gegeben. Muscheler war mit seinen 16 Jahren für die Entscheidung wohl einfach zu jung und man hat ihn für körperlich nicht kräftig genug gehalten. Doch das Schicksal wollte es anders: Als Hengstler nach dem ersten Mosttag aus beruflichen Gründen aufgeben musste, bekam Muscheler die Chance, die er ergriff. Zwei Jahre später übernahm er dann sogar die Leitung der Mosterei von Josef Maier und arbeitete mit viel Hingabe und Schweiß, oft bis Mitternacht. Tägliche Arbeitszeiten von 6 Uhr bis Mitternacht waren in der Saison von September bis Oktober an der Tagesordnung – das war pure Leidenschaft!
Tradition und Wandel
Die Saftmenge, die in den ersten Jahren produziert wurde, war beeindruckend: 190.000 Liter im ersten Jahr, und 1958 sogar rund 350.000 Liter! Aber die Zeiten ändern sich, und so sank die Menge aufgrund des Rückgangs in der Landwirtschaft auf etwa 50.000 Liter heute. Das Pasteurisieren des eigenen Saftes ist nach wie vor ein wichtiges Element der Produktion. Muscheler und Schuhwerk, der im November 90 Jahre alt wird, sind sich einig: Der Bau der Mosterei war damals eine richtige Entscheidung. In den 1950er-Jahren war Beuren stark landwirtschaftlich geprägt und von üppigen Streuobstbeständen umgeben. Most war das Alltagsgetränk der Landbewohner, denn Bier war oft zu teuer.
In vielen Kellern standen Fässer mit Most, und die Frauen sterilisierten den frisch gepressten Saft, damit Süßmost ganzjährig verfügbar war. Gleichzeitig sorgten 16 Brennereien im Dorf dafür, dass aus Most auch Schnaps hergestellt wurde. Schuhwerk, der als Schlossermeister arbeitete, unterstützte die Mosterei über 50 Jahre lang bei Reparaturen. Ursprünglich kamen die Kunden aus den umliegenden Gemeinden wie Büßlingen, Tengen und Blumenfeld, weil nicht jede Gemeinde eine eigene Mosterei hatte. Der größte Kunde war das damalige Altersheim Blumenfeld, das regional als „Spital“ bekannt war und etwa 10.000 Liter Saft abnahm. Die Bewohner brachten sogar selbst gesammeltes Obst zum Mosten mit.
Die Bedeutung von Streuobstwiesen
Ein Blick auf die Bedeutung der Streuobstwiesen zeigt, wie wichtig diese Kulturlandschaften für Deutschland sind. Laut der Publikation „Streuobstbestände in Deutschland“ von Klaus Henle et al. aus dem Jahr 2024 gehören Streuobstwiesen zu den prägendsten Elementen mitteleuropäischer Kulturlandschaften. Doch seit dem 20. Jahrhundert sind diese Bestände zunehmend zurückgegangen. Ursachen sind die Technisierung der Landwirtschaft, der Bau von Wohngebieten und die Konkurrenz durch den Plantagenobstbau. Die verbleibenden Streuobstwiesen werden oft nicht mehr ausreichend gepflegt, was ihre wirtschaftliche Bedeutung mindert und sie möglicherweise gefährdet.
Die Herausforderungen, die sich aus diesen Entwicklungen ergeben, wurden in dem Projekt „Streuobstbestände in Deutschland“ umfassend untersucht. Ziel war es, die aktuelle Situation zu bewerten und Handlungsempfehlungen abzuleiten, um den Erhalt dieser wertvollen Kulturlandschaften zu sichern. Die Mosterei in Beuren könnte hier als leuchtendes Beispiel für den Erhalt lokaler Traditionen und den nachhaltigen Umgang mit regionalen Ressourcen dienen. Es bleibt zu hoffen, dass auch in Zukunft die Geschichten und Erinnerungen rund um die Mosterei lebendig bleiben und die Menschen in Beuren weiterhin stolz auf ihre Tradition sind.
